Demokratie lernen & leben

Klassenrat als Methode der Demokratiepädagogik

Eine demokratische Gesellschaft braucht für ihr Fortbestehen und ihre Weiterentwicklung nicht nur regelmäßig stattfindende Wahlen. Sie ist auf die Zustimmung der Bürgerinnen und Bürger angewiesen, auf die Verankerung demokratischer Werte in den Köpfen und Herzen der Menschen. Schule hat eine wichtige Aufgabe beim Erwerb eines entsprechenden „demokratischen Habitus“. Eine der grundsätzlichen Forderungen der Demokratiepädagogik ist es deshalb, Schule als demokratische Lebensform zu verstehen und zu verwirklichen, in der Kinder und Jugendliche demokratieförderliche Erfahrungen machen, die bis in die Erwachsenenjahre vorhalten. Dafür muss die Schule Gelegenheiten zur Entwicklung demokratischer Handlungskompetenz bieten. Der Klassenrat ist eine besonders wirkungsvolle Einrichtung zum Erlernen solcher Kompetenzen. Und er kann eine Basis der Demokratie an der Schule bilden, wenn man die Klasse als die kleinste soziale Einheit versteht, in der Partizipation, Verantwortung und Beteiligung im sozialen Miteinander von Anfang an gelernt und Selbstwirksamkeit erfahren werden können.

Klassenrat, Kinderrechte und moralisches Lernen

Von Anfang an lernen Kinder im Klassenrat die Menschen- und Kinderrechte als gelebte Basis eines respektvollen Miteinanders kennen, die unser Verhalten beeinflussen und unsere Einstellungen prägen sollen. Kinder können hier erfahren, dass die Kinderrechte nicht ein Geschenk Erwachsener sind, sondern historisch errungen und einem modernen und umfassenden Verständnis des Miteinander entsprechen. Die den im Jahr 1989 von der Bundesrepublik Deutschland ratifizierten Kinderrechten zugrunde liegenden Werte können hier praktisch und alltäglich erlernt und erlebt werden. Durch die Lösung von Alltagsproblemen und die Diskussionen von Dilemmata entstehen entgegenkommende Verhältnisse für soziale und moralische Lernprozesse, insbesondere für Perspektivenwechsel und die Erfahrung, in die Schuhe der Anderen zu schlüpfen. Entwicklungsforscher und Entwicklungsforscherinnen betonen die Bedeutung solcher Interaktion und Auseinandersetzung in der Peer – Group für die Moralentwicklung bei Kindern. Das soziale, moralische und partizipatorische Lernen in den gleichberechtigt geführten Diskussionen und Planungen des Klassenrats bietet eine wirksame Prävention gegen das Abgleiten in rechtsextreme und rassistische Vorurteile im Jugendalter.

Klassenrat und partizipative Schulentwicklung

Der Klassenrat kann als Keimzelle und Fundierung einer demokratischen bzw. partizipativen Schulentwicklung dienen. Er sollte in eine Vielfalt von partizipativen Formen und Schulgremien eingebunden sein. Oft treffen sich die Delegierten oder Abgeordneten der Klassen in einer Abgeordnetenversammlung. Der Unterschied zur Schülervertretung ist, dass die Abgeordneten nicht für ein komplettes Schuljahr, sondern auf Zeit gewählt sind. Sie beraten dringende Angelegenheiten der Schule und bereiten die Schulversammlung vor. In großen Schulen kann die Schulversammlung durch Stufenversammlungen ersetzt werden. Wichtig ist es, die partizipativen Formen an die Altersgruppe der Kinder und die Größe der Schule anzupassen.

Klassenrat und Öffnung von Schule

Über das traditionelle Modell der basisdemokratischen Selbstorganisation hinaus können mit dem Klassenrat zudem Funktionen der Projektsteuerung und der zivilgesellschaftlichen Aktivierung verbunden werden: Im Klassenrat können Schülerinnen und Schüler gemeinsam Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen, ebenso wie durch das gemeinsame Handeln im Klassenrat zivilgesellschaftliche Akteure zur Verantwortung für die Schule mobilisiert werden können.
Das heißt konkret: Im Rahmen des Klassenrates können (außerschulische) Projekte geplant werden, insbesondere auch solche des sog. „Lernens durch Engagement“ (Service Learning). Dabei werden einerseits konkrete Probleme in Schule und Gemeinde gelöst (Service), andererseits werden Inhalte des Unterrichts anhand authentischer Problemkontexte erarbeitet (Learning). Wichtig ist die Verknüpfung dieser beiden Seiten, die nur funktioniert, wenn die Projekte im Unterricht koordiniert und begleitet werden und die praktischen Erfahrungen in der Klasse reflektiert werden. Den hierfür erforderlichen Raum können Klassenräte bieten.
Darüber hinaus können im Kontext des Lernens durch Engagement Kooperationen zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren und Lehrpersonen gebildet werden. Es könnte sich bei solchen Kooperationen beispielsweise um finanzielle oder personelle Hilfe bestimmter zivilgesellschaftlicher Organisationen für konkrete Klassenratsprojekte handeln. Auch hier können Klassenräte eine aktivierende Rolle übernehmen.
Insgesamt kann der so weiterentwickelte Klassenrat sowohl zur partizipativen Schulentwicklung als auch zur Öffnung von Schule beitragen.

top

Positive Wirkungen des Klassenrats

Einige Schulen des Netzwerks „Modellschulen für Partizipation und Demokratie“ in Rheinland-Pfalz arbeiten mit dem Klassenrat. Folgende wichtige Erfahrungen konnten die Modellschulen mit dem Klassenrat machen:

Kinder und Jugendliche werden selbstbewusster
Kinder und Jugendliche, denen etwas zugetraut wird, trauen sich auch selbst mehr zu. Die Erfahrung von Selbstwirksamkeit führt zu wachsendem Selbstbewusstsein. Schülerinnen und Schüler, die früher Angst hatten, vor einer Gruppe zu reden, sagen leichter ihre Meinung. Auch in der Schulversammlung trauen sich viele Kinder vor allen Schülern der Schule sich öffentlich zu äußern und Anträge einzubringen. Aus der letzten Abgangsklasse der Grundschule Süd wurden etwas ein Viertel aller Kinder Klassensprecher in den weiterführenden Schulen.

Bessere Konfliktlösung–mehr Verantwortung und Kooperationen
Kinder und Jugendliche, die Erfahrungen mit dem Klassenrat haben, schaffen es in der Regel leichter, Konflikte selbstständig mit Hilfe vereinbarter Regeln zu lösen. Dort wo es Streitschlichterprogramme gibt, werden die grundlegenden Fähigkeiten im Klassenrat und den entsprechenden Trainings geübt.

Besseres Schulklima
Die konsequente Durchführung des Klassenrats trägt zur Verbesserung des Schulklimas bei: Die Identifikation der Kinder mit ihrer Schule steigt, der Umgang unter Kindern und zwischen Kindern und Erwachsenen ist nach Aussagen der Lehrkräfte respektvoller und friedlicher geworden.

Politische Erfahrungen von Klein an
Im Klassenrat lernen Kinder von Anfang an, als Individuum in der Gemeinschaft zurechtzukommen. Sie lernen Regeln des Zusammenlebens einzuhalten und gemeinsam zu entwickeln. Durch den Wechsel der repräsentativen Funktion wie Klassenratsleitung, Protokollant oder Zeitverantwortlicher lernen die Kinder, wie schwierig es ist, Ämter im Dienste der Gemeinschaft auszuüben. Das schützt vor unqualifizierter Kritik an Verantwortungsträgern. Oft ist der Klassenrat auch ein Ausgangspunkt für Projekte in der Kommune, z. B. einem Besuch im Rathaus, einer Aktion für Kinderrechte in der Stadt oder bürgerschaftlichen Engagement.

top